Chile, Länder, Südamerika, Tagebuch, Touren
Kommentare 5

“Wir sind die Generation ohne Angst” steht auf dem Pappschild

Mein Vater fand Santiago seinerzeit wohl nicht so besonders interessant; er hat dort nur zwei Fotos gemacht. Der Christus segnet immer noch, heute aber sicher eine ganz andere Szene als damals. Heute fand nämlich auf dem Italienischen Platz (auf den sich seit Wochen die Demos konzentrieren) ein Konzert statt mit einer Band die schon in Pinochet’s Zeiten gespielt hat. Gefühlt waren da so 10 000 Menschen auf dem Platz, die Anlage war viel zu schwach und so war das musikalisch kein Erfolg aber ein beeindruckendes Erlebnis.

Wir haben uns dann langsam zurückgezogen und wollten über die Hauptstraße zu unserem wunderbaren Hostel.  Dort kam es aber zu Scharmützeln zwischen Demonstranten und Polizei. Von Demonstrantenseite wurden vereinzelt Steine geworfen, die Polizei antwortete mit Rauchgranaten und Tränengas. Das haben wir auch abbekommen eine  Sani-Staffel sprüht Karin da gerade ein Gegenmittel (Maaloxan in Wasser!) in die Augen und gibt uns Mundschutzmasken. Jetzt wissen wir auch, dass die überall verkauften Gasmasken und Taucherbrillen durchaus ihren Sinn machen, denn auch Unbeteiligte können verletzt werden. Wir haben heute einen Arztkollegen kennengelernt, der uns seine Schrotschusswunden gezeigt hat, die er beim nur einwöchigen Einsatz des Militärs vor einigen Wochen erlitten hat. Er hatte in dern vorderen Reihen schrotschußsichere Brillen verteilt.

Alle Toten sind übrigens Folge dieses einwöchigen Einsatzes des Militärs (statt der Polizei), weswegen der Innenminister inzwischen auch entlassen und politisch erledigt ist. Die Folgen der Auseinandersetzungen sind überall in der Stadt zu sehen, Brandspuren, mit Holz oder Blech vernagelte Schaufenster. Aber alle Läden sind auf, das Leben geht weiter. Viel Graffiti und Plakate.

Wesentlich wird der Protest auch durch Frauen getragen, die die strukturelle Gewalt gegen Frauen zum Beispiel durch Polizei oder andere Machtapparate thematisieren. Da gibt es eine famose Performance, am 25.11. in Valaparaiso vorgestellt (Google: “un violador en tu camino las tesis letra” oder Wikipedia ” A Rapist in Your Path”) und inzwischen weltweit verbreitet ist und z.B. am 4.12. im Hamburg aufgeführt wurde.

Zwei interessante Symbole tauchen immer wieder auf: einerseits die Augen, wobei uns noch nicht klar ist, ob das das wachsame Auge der Herrschenden meint oder aber die verletzten Augen der vielen durch massive Reizgaseinwirkung oder Schrotschüsse Sehbehinderten oder Erblindeten meint. Kriegen wir aber noch raus.

Das andere ist der Hund  mit dem roten Halstuch, der Legende ist. Er sei ein herrenloser Straßenhund gewesen, der bei Studentenunruhen um 2012 auf keiner Demo gefehlt habe und sich durch besondere Einsatzfreude gegen die Polizei ausgezeichnet habe. Seinen Namen Negro Matapacos übersetzt der gleichnamige Wikipedia-Eintrag mit “Schwarzer Bullenkiller”.  Er sei später von einer Frau “adoptiert” und versorgt worden und 2017 eines natürlichen Todes gestorben. Im Andenken der Menschen hier ist er unsterblich.

Wir haben das Gefühl, dass wir hier erleben, wie Geschichte geschrieben wird. Hier gilt immer noch die Verfassung aus der Zeit der Militärdiktatur unter Pinochet. Die Regierung möchte im April (!) ein Referendum veranstalten, ob es eine neue Verfassung geben soll! Wir hoffen und wünschen, dass das Volk sich nicht einlullen lässt.

Wir würden gerne noch bleiben. Geht aber nicht. Wir werden das weitere aufmerksam verfolgen und fahren morgen früh nach Süden. Sonst kommen wir ja nie in Ushuaia an!!!

5 Kommentare

  1. Christian H. sagt

    Frohe Weihnachten Euch Beiden und alles Gute für’s neue Jahr!
    Viele schöne Erlebnisse auf Euren interessanten Reisen.

    Herzliche Grüße,

    Christian Hillmer

    • Karin sagt

      Herzlichen Dank! Und auch Dir frohe Weihnachten und viele schöne Erlebnisse!
      Liebe Grüße
      Fritz und Karin

  2. Thomas Göldner sagt

    Lieber Dr. Witten und Frau Witten,
    Ich habe ab und zu auf Ihrem Blog gelesen, was Sie so machen und über Ihre Erlebnisse.
    Meine Hochachtung, mit welcher Energie Sie ihren Lebenstraum vollenden. Das finde ich große Klasse!
    Ich wünsche Ihnen noch besten Erfolg, Gesundheit und jetzt erstmal ein schönes Weihnachten!
    Alles weitere: siehe in 2 separaten emails an Sie.
    Liebe Grüße
    Thomas Göldner

  3. Andreas Spalinger sagt

    Hola muy estimados señor y señora Witten,

    ¡Feliz Navidad y próspero Año Nuevo!
    Buen camino hasta el fin del mundo, principio de todo…

    Weiterhin gute Fahrt, alles Gute, und vielen herzlichen Dank für die tollen und spannenden Berichte!

    VG
    Andreas Spalinger

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.