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Islamisierung des öffentlichen Lebens

Jetzt mal ein paar Worte über das Thema Islamisierung. Mit unseren neuen Freunden Helga und Dogan konnten wir unser Bild auf die Türkei erweitern, denn sie repräsentieren die moderne, intellektuelle, linke Akademikerschicht. Eine Soziologin und ein linker Journalist, der 4 Jahre als politischer Häftling im Gefängnis saß, sehen viele Entwicklungen kritischer als unsere islamische Familie. Hier ein paar Beispiele, die sie uns genannt haben und die wir seitdem aufmerksam beobachten.
Thema Kleidung bei Frauen. In der Schwarzmeerregion, traditionell konservativ, fände man in der öffentlichen Verwaltung praktisch kaum noch Frauen ohne Kopftuch. Eine Studentin berichtete, dass in ihrer Universität, ebenfalls Schwarzmeerregion, eine Professorin in Vollverschleierung, also Gesichtsschleier und Handschuhe, unterrichte. Das sei zwar nach wie vor verboten, werde jedoch anscheinend dort toleriert.
In Kindergärten würden zunehmend schon kleine Mädchen zum Kopftuchtragen angehalten, obwohl diese Entscheidung normalerweise, auch in strengeren Familien, erst in der Pubertät und dann freiwillig erfolge.
Überall im Land entstehen neue islamische Universitäten, die inzwischen voll akkreditiert seien. Helga sieht das sehr kritisch bzgl. des Ausbildungsniveaus, denn es fehle an Fachpersonal. Wir haben selbst schon häufig kilometerweit außerhalb jeder Ortschaft neue Gebäude gesehen; ein Eingangstor mit “Universität” und zwei Wohnheime, eine Bushaltestelle, das war`s. Bei einer offiziellen Jugendarbeitslosigkeit von ca. 30% hilft das natürlich auch der Statistik- wir kennen solche Instrumente ja auch bei uns.

Alkohol: Offiziell noch nicht verboten, werden die Konzessionen zum Verkauf immer teurer. Hier in Zentralanatolien bekommt man Bier nur noch in speziellen Kiosken. In Restaurants selten bis gar nicht. Im Gespräch ist wohl ein Gesetz, das innerhalb von 100m rings um Schulen und Moscheen kein Alkohol verkauft werden darf. Nun muss man wissen, dass überall neue Moscheen gebaut werden, selbst Tankstellen haben Gebetsräume.
Das ist eine neue Entwicklung. Beileibe nicht alle Türken sind praktizierende Muslime – bisher. Helga berichtet außerdem, dass inzwischen in der Uni Freitags Mittags keine Termine mehr zu bekommen sind, weil die Menschen zum Gebet verschwunden sind- in neu errichtete Moscheen, auch auf dem Unigelände.
Die Teilnahme am Fasten während des Ramadans ist freiwillig- nur bietet seit neuestem die Kantine während dieses Monats kein Essen mehr an. Man muss dann sein Essen selbst mitbringen und vor den Augen der KollegInnen essen.
In der Schule ist der Islamunterricht ein fester und bedeutender Bestandteil auch der Abschlussprüfungen.
Es findet eine kontinuierliche Entwicklung statt, die Erdogan stark steuere. So werden in den Randbezirken der Städte die Elendsviertel abgerissen und statt dessen Hochhaussiedlungen hingestellt- immer gleichzeitig mit großen Moscheen, wo vorher keine waren.
Zum Teil sind die Siedlungen weit außerhalb mitten im Nichts- eine Schotterstraße führt hin. Soziale Probleme seien vorprogrammiert, so Helga, denn die Menschen bekommen die Wohnungen zugewiesen.

Dass nicht nur intellektuelle Akademiker Erdogans Politik kritisch sehen, haben wir bei einem anderen Gastgeber erlebt, der sehr offen seine Meinung äußerte, wie Fritz berichtete.
Wir radeln nun mit noch offeneren Augen und Ohren durch dieses wunderbare Land und sind gespannt was wir noch alles erleben werden.

4 Kommentare

  1. Madamechen sagt

    Liebe Karin ,lieber Fritz,
    es ist ja hochinteressant,und teilweise aber auch kaum zu glauben ,was Ihr da berichtet.Die große Gastfreundschaft der Menschen dort haben wir auch mehrmals erfahren dürfen.Liebe Grüße Madamechen.

  2. Rainer Lademann sagt

    Hi, Ihr Zwei,
    Welch fatale Fehlentwicklungen von Armutsproblemen und hoher (Jugend)Arbeitlosigjeit folgen können, kennen wir in D ja zur genüge. In einem gewissen Masse scheint Ideologie und Religion austauschbar zu sein.
    Beeindruckender Bericht.
    LG
    Rainer

  3. Christa Prüser sagt

    Lieber Fritz, liebe Karin,
    herzlichen Dan für eure wunderbaren Berichte, hier speziell vom Tal von Goreme mit den herrlichen Fotos! Fritz, du hast sicher an unsere Reise dorthin gedacht 1966! Damals gab es kaum Menschen dort und wir kauften unsere Eintrittskarte zum Abreißen von einer Rolle
    an einer kleinen Bretterbude! Viel Glück euch beiden weiterhin!
    Christa

    • Fritz sagt

      Liebe Christa,
      1966 war ich in Roende/Dänemark oder auf dieser Nordlandfahrt, nicht aber in der Türkei. Da war ich 1975 erstmalig; habe das aber noch genau so vorgefunden, wie Du es beschrieben hast. Viele Grüße, Fritz.

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