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Hoşgeldinitz!

Das ist wohl dasjenige türkische Wort, das wir am besten gelernt haben: „Willkommen!“
Vorgestern saßen wir in einem Ort auf einer Bank und stärkten uns mit einer Apfelsine, einigen Haferkeksen und Datteln, die wir übrigens lieb gewonnen haben. Da näherten sich aus der gegenüberliegenden Autowerkstatt zwei Männer und luden uns in recht gutem Deutsch zum Çai ein. Aus einem Glas wurden drei, aus der kurzen wurde eine lange Pause, denn nach einer halben Stunde wurde hinter dem Haus das gegrillte Hähnchen-Kebab fertig.
Zwischenzeitlich erfuhren wir, dass die fünf Mitarbeiter vom Auto-Import aus Deutschland leben. Vor der Werkstatt standen sechs Renault und ein Skoda. Ein zehn Jahre alter Wagen, in Deutschland für 500 € ließe sich hier nach Transfer, Zoll und etwas „Aufhübschen“ für 5000 € verkaufen. VW‘s wären übrigens uninteressant, wie einfach viel zu teuer.

Kaum wieder losgefahren, hielt ein Auto neben uns, vier Herren im Anzug und ein vielleicht 12-jähriges Mädchen stiegen aus und baten ein Foto mit uns und sich machen zu dürfen. Irgendwie war das eine merkwürdige Gesellschaft! Wer weiß, wofür sie unser Foto nutzen, wir haben hier gerade heißen Wahlkampf.

Am Abend ging’s mit der Gastfreundschaft dann weiter. Wir waren von der Landstraße in ein Dorf abgebogen, um ein Brot für den Abend zu kaufen und uns dann wieder ein schönes Plätzchen fürs Zelt zu suchen. Einen Laden gab’s aber im Dorf nicht, dafür aber einen netten Herren, der sagte, er habe genug Brot und ob wir nicht mit in sein Haus kommen wollten. Es wurde also ein türkisches Abendessen für uns aufgetischt und reichlich Çai getrunken. Mittlerweile waren weitere Dorfbewohner eingetroffen und schließlich bauten wir unter den interessierten Blicken der Leute unser Zelt im Garten auf.
Über das Dorf erfuhren wir folgendes: Es leben dort vielleicht noch 200 Menschen. Kaum einer ist unter 50. Es gebe kein Kind, dementsprechend ist die Schule seit Jahren geschlossen. Arbeit gebe es auch keine, außer ein wenig Weizenanbau. Seit langem zögen alle jungen Leute weg. Auch unser Gastgeber hat ein bewegtes Leben. Seine große Familie ist in ganz Europa verstreut. Als Rentner kommen viele wieder für die Sommermonate zurück. Im harten Winter leben sie lieber in ihrer zweiten Heimat. Von vier Häusern seien drei verlassen. Allerdings wurde auch gebaut; unser Gastgeber plant ebenfalls, sein 70 Jahre altes Geburtshaus noch dieses Jahr abzureißen und an der Stelle neu zu bauen.
Abends beim Bier fragten wir, wie das Ehepaar es denn mit dem Alkoholverbot im Islam halte. Unser Gastgeber bezeichnete sich als Nicht-Moslem, Erdoğan-Kritiker, Kurdenfreund und Sozialist. Dies findet übrigens vielleicht seinen Ausdruck darin, dass er mit einigen Freunden aus dem Dorf offenbar gemeinschaftlich einiges Land unter dem Pflug hat zum Weizenanbau.

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