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Alichur

Einen solchen Ort haben wir noch nicht gesehen. Verstreut auf einer kargen Hochebene auf knapp 4000 m liegen einige hundert flache Lehmziegelbauten. Dazwischen Schotter. Fast keine Autos. Schule, Kindergarten, ein Gesundheitszentrum, Moschee, vier Läden („Magazin“), ein Trucker-Restaurant an der Durchgangsstraße. Fünf Brunnen. Einige Homestays.

Der Ort ist mit Strommasten gespickt, aber es gibt keinen Strom. Zur Russen-Zeit, also vor 25 Jahren, gab es einen Diesel-Generator. Der ging aber kaputt, und zudem fehlt dem Ort das Geld, Diesel auf dem Weltmarkt zu kaufen, den Russland vorher zu Freundschaftspreisen geliefert hatte. Jetzt haben viele Häuser sehr kleine Solar-Panels (~1/2 qm) und eine Autobatterie als Speicher. Dazwischen ist ein Regelmodul chinesische Bauart geschaltet. Damit werden abends Leuchtdioden betrieben. Viele Häuser haben Satelliten-Schüsseln, also gibt es auch Fernseher.

Im Winter (der übrigens sehr kalt aber schneearm ist) sollen etwa 2000 Menschen im Ort leben, überwiegen Kirgisen (die übrigens die eine Stunde von der Zeitzone abweichende kirgisische Zeit verwenden!). Die Hälfte von ihnen ist jetzt im Sommer mit den Herden in den Bergen, also noch höher.

Im Gesundheitszentrum gibt es einige Betten, die jetzt aber nicht belegt schienen und eine kleine Ambulanz. Von den beiden Diensttuenden ist keiner Arzt. Es sind wohl besonders qualifizierte Pfleger oder „Barfußärzte“ mit eingeschränkter Diagnose- und Verschreibungs-Kompetenz. Immerhin ist ein Ohrenspiegel vorhanden und so konnte ich denn die Mittelohrentzündung unserer einen Mitreisenden diagnostizieren und antibiotisch behandeln.

Wir haben nach einer langen Tagesetappe in einem homestay Unterschlupf gefunden und gleich einen Tag Pause zur Erholung eingelegt. Auf unserem Spaziergang durch den Ort sahen wir ein Gebäude, das offiziell wirkte, auch durch ein großes Schild an der Tür. Als wir näher kamen, um vielleicht doch aus der kyrillischen Schrift schlau zu werden, kamen drei Frauen in weißen Kitteln raus. Eine sprach Englisch und erklärte uns, dass dies der Kindergarten sei. Wir nahmen die Einladung, hineinzugehen an und drinnen war es unverkennbar: Kleine Schuhe, Holzborde mit Haken, Jacken. In einem großen Raum spielten ca.15 Kinder – ohne erkennbares Spielzeug. Die Kinder seien zwischen 3 und 5, so sagte die Erzieherin. Nach meiner Einschätzung war zumindest ein Kind deutlich jünger, aber egal. Ebenso deutlich waren die unterschiedlichen Ethnien der Kinder. Die meisten Kirgisen und einige Tajiken; laut Aussage der tajikischen Erzieherin sei das durchaus problematisch für sie. In welcher Weise, erläuterte sie nicht. Ich weiß nicht, ob die anderen beiden Frauen auch Erzieherinnen waren oder Hilfskräfte, der Betreuungsschlüssel wäre ansonsten nicht schlecht.

Als wir unser homestay aussuchten- in dem Ort gab es mindestens vier, war die Möglichkeit einer Dusche ein wichtiges Kriterium, nach mehreren Tagen Katzenwäsche. Unser Gastgeber konnte mit einer Banja aufwarten und bekam den Zuschlag. Eine Banja ist ein separater Raum, der mit einem Ofen ausgestattet ist. Dieser Ofen heizt nicht nur den Raum, sondern auch eine große Schüssel mit Wasser, die in einer passenden Aussparung direkt über dem Feuer steht. Daneben steht ein Eimer mit kaltem Wasser. Der Boden hat einen Abfluss- ein Loch unten in der Wand führt nach draußen. Mit einer Kelle mischt man sich nun selbst die richtige Wassertemperatur und duscht sich in dem angenehm warmen Raum ab. Wir haben selten so eine wohlige Dusche erlebt. Natürlich ohne Strom, sondern mit einer Stalllaterne romantisch erleuchtet.

Am zweiten Tag kam unser Gastgeber spätnachmittags an und meinte, er hätte ein großes Problem. Die deutsche Touristengruppe, von er uns schon erzählt hatte, käme nicht morgen, sondern heute; sozusagen in einer Stunde. Ob wir bereit wären, aus unseren Zimmern auszuziehen und in der Jurte zu übernachten. Wir waren natürlich einverstanden und räumten um. Die Nacht in der Jurte war ziemlich kalt, denn der Ofen war nicht angeheizt, aber wir hatten einen netten Abend mit einer Gruppe von ca. 20 Geologie- und GeografiestudentInnen, die auf einer vierwöchigen Exkursion durch Kirgisien und Tajikistan waren. Morgens profitierten wir noch von den Extras, die sie als Gruppe zum Frühstück bekamen. Schamlos steckten wir gekochte Eier, Kekse und Süßigkeiten ein, die sie übrig gelassen hatten. Radler sind immer hungrig!

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