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Teheran-Mashhad

Wir sind in Mashhad angekommen, ruhen uns hier 5 Tage aus und nutzen die Zeit, um endlich die Berichte und Bilder auf die Seite zu stellen. Einige von Euch haben sich vielleicht schon Sorgen gemacht.
Also: uns geht es gut! Wir haben uns Zeit gelassen, wie man auf der Statistikseite erkennen kann, denn wir haben Zeit. Unser Turkmenistanvisum- seit gestern haben wir die Stempel im Pass! – läuft vom 13.-17.07.. Also haben wir mehrfach einen Pausentag eingelegt und die Etappen je nach Versorgungssituation und klimatischen Bedingungen auch mal kürzer gestaltet.
Wir wollen Euch einen kurzen Überblick geben, was für Erfahrungen wir in dieser Zeit sammeln durften.
Von Semnan sind wir morgens um 4.00 Uhr aufgebrochen. Wir wussten, dass 800 Höhenmeter vor uns lagen und wollten die „kühle“ Zeit ausnutzen. Die Fahrt durch die nächtliche Stadt hatte einen ganz besonderen Reiz. Nur ab und an ein Auto oder Moped, einzelne Leute kamen schon vom Morgengebet, ansonsten war es still und auch der Wind schlief noch. Doch leider war diese Freude nur von kurzer Dauer. Noch bevor es richtig hell wurde, begann der Wind zu blasen- richtig vermutet: von vorne- und die Straße begann langsam anzusteigen. Innerlich hatten wir uns auf eine Passetappe eingestellt und den mentalen Hebel auf „irgendwie werden wir hochkommen, im Notfall schieben wir“-Position gebracht. Es wurde immer schwieriger zu fahren, denn der Wind kam in so starken Böen, dass wir die gesamte Breite von ca. 2,5 m des Seitenstreifens brauchten, um sie abzufangen. Dazu kamen die gefährlichen Ansaugmaschinen der LKWs. Wir kämpften uns 40 km langsam hoch, gottseidank war der Himmel bis mittags etwas verschleiert, sodass es nicht gar so heiß war. Und dann ließ der Wind langsam etwas nach. Die Landschaft wechselte von Steppe zu trockenen Hügeln mit verlassenen Dörfern und Karavansereien zu grandiosen Aussichten in weite offene Hochebenen.

Nach 7 ½ Stunden reiner Sattelzeit fanden wir einen Passengerpark mit Wasser, WC und kleinen Foodshops. Mit 112 km in den Beinen war es genug, auch wenn es erst halb fünf war. Am nächsten Tag war es nicht so heiß und nach 78 km fanden wir in Sharoud einen Park, wo wir unser Zelt aufbauen durften. Wir waren etwas unschlüssig, und warteten erstmal, wie stark er von der männlichen Jugend genutzt würde. Letztlich sind wir dann doch ins Hotel direkt neben dem Park und waren nachts froh drum, als wir durch das offene Fenster hörten, was für eine Party draußen im Park lief. Sicherlich hätten wir eine interessante, kommunikationsreiche Nacht gehabt, aber eben keinen Schlaf.
Grundsätzlich ging es jeden Tag ähnlich weiter. Wechselnde Landschaften zwischen Wüste, Steppe, Karst und bewässerten ummauerten Feldern (z.B. Pistazienhainen), immer zwischen sehr heiß, d.h. über 40°C und heiß d.h. 35-40°C. Der Wind immer zwischen NO und SO, mit meist Windstärken zwischen 4-6, selten weniger, nie windstill. Die Steigungen waren bis auf wenige Ausnahmen sehr gering bis moderat. Die Kombination der verschiedenen Komponenten macht den Spaß!

Die Versorgung mit Wasser war unser Hauptthema. Nicht immer nachvollziehbar für uns die unterschiedliche Dichte von Tankstellen mit kleinen Shops, modernen Karavansereien, wo man sogar Zimmer anmieten konnte, einfache Flächen mit ein paar Schattenbäumen und Toilette und dem großen Nichts, z.T. über 50 km. Wir hatten immer genug Wasser dabei, teilweise hatte jeder von uns 9 Liter auf dem Rad verstaut, es war eher eine Frage der Genusstemperatur. Bewährt hat sich: Man kaufe zwei durchgefrorene Flaschen Wasser und verstaue sie gut verpackt in der Packtasche mit Klamotten. Für viele Stunden kann man sie jeweils kurz mit warmem Wasser auffüllen und hat dann köstliches kaltes!! Ihr glaubt gar nicht, welch ein Genuss das ist, wenn die Zunge am Gaumen klebt!
Die Unterkünfte waren sehr unterschiedlich: Teures Hotel, Hostel, Home-stay bei Autofahrern, warm-showers-Hosts, Zelten auf Parkplätzen mit überdachten Stellflächen für Zelte und WC/Wasser, Zelten auf Nebenflächen an Tankstellen oder Moscheen, Schlafen im Gebetsraum, auf dem Boden hinter einem Restaurant, in einer Straßenunterführung, die im Winter Wasser führt. Ihr seht, wir konnten in den letzten Tagen sehr viele unterschiedliche Erfahrungen machen.
Außerdem haben wir Kamele gesehen, viele alte Karavansereien, Moscheen, ungezählte Male Fotomodell gestanden, und weitere kleine Stückchen iranischen Lebens verstanden.

Ein Punkt jedoch ist für uns, besonders mich, immer noch bzw. immer mehr sehr kritisch: Die Situation der Frauen im Iran. In den fast zwei Monaten hier habe ich viele Frauen getroffen, und bis auf ein oder zwei haben alle erzählt, dass für sie z.B. die Kleidungsvorschriften ebenfalls eine Belastung darstellen. Nur zweimal wurden wir darauf hingewiesen, dass die Frauen es doch gut hätten- im Vergleich mit anderen islamischen Staaten!
Ein Gespräch ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Eine junge Frau, die, wie viele andere, Englisch lernt, um den „Toefel“ zu bestehen und damit eine Bedingung für einen Auslandsstudienplatz zu erfüllen, sagte ganz deutlich, dass sie für sich keinerlei Entwicklungschancen im Iran sehe. Trotz gutem Studienabschluss (Master) gibt es keinerlei Arbeitsmöglichkeiten für sie. Bei der extrem hohen Arbeitslosigkeit würden fast ausschließlich Männer eingestellt. Gleiches Geld für gleiche Arbeit sei hier völlig unbekannt. Die Hoffnung finanziell unabhängig zu sein, sei für die allermeisten Frauen eine unrealistische Wunschvorstellung. Ihrer Meinung nach sei ein hoher Prozentsatz iranischer Frauen depressiv. Vor allem in ländlichen Gebieten erlebten sie von drei Seiten Repressalien: erstens durch die Regierung, die frauenfeindliche (meine Worte) Gesetze erlässt und ihre Einhaltung durchsetzt, zweitens von Seiten der Männer, die als Gewinner des Systems auf Einhaltung der Normen bestehen, und drittens die Kultur/soziale Kontrolle, die in manchen Regionen sehr konservativ geprägt sei. Sie nannte auch Beispiele: Es ist Frauen gesetzlich verboten, in der Öffentlichkeit zu singen, in Parks dürfen Frauen auf dem Boden sitzen, sich aber nicht hinlegen, um wie die Männer überall, sich auszuruhen. Wenn Frauen mit einem Mann sprechen, kann die Polizei fragen, in welcher Beziehung sie zu dem Mann steht und wenn es weder Mann, Bruder, Vater oder sonst. naher Verwandter ist, kann sie sie zur Wache mitnehmen und bestrafen. In Großstädten wie Teheran ist es zwar lockerer, aber auch dort erzählte mir eine junge Frau, dass es für sie gefährlich sei, sich in der Öffentlichkeit mit einem Bekannten oder Freund zu treffen.
Die Möglichkeiten für junge Leute sind sehr begrenzt. Da auch Tanzen in der Öffentlichkeit allgemein verboten ist – Musikkonzerte finden ausschließlich bestuhlt statt, trifft man sich privat.
Iraner haben eine hohe Kompetenz darin erlangt, den öffentlichen vom privaten Teil des Lebens zu trennen. Im Juni ist ein kleines Büchlein erschienen, dass ganz gute Kritiken bekommen hat: „Couchsurfing im Iran.“ Wer Lust hat, findet darin sicher viele Beispiele für das bunte private Leben.
Die Frauenkampagne „Heimliche Freiheiten“ ist vielleicht für Euch auch interessant. Frauen gehen in öffentliche Parks und andere Orte, ziehen ihr Kopftuch oder Tschador runter, lassen sich so fotografieren und schicken das Foto an eine iranische Reporterin, die bei BBC arbeitet und es online stellt. Ich kann die Seite von hier nicht öffnen, vielleicht findet ihr sie über google. Die folgenden Fotos haben wir in Neyshabur gemacht. Ihr seht, hier ist man eher konservativ unterwegs und sorgt sich um das Seelenheil der jungen Frauen!

Die Hoffnung, dass sich die Situation zum Besseren entwickelt, ist bei vielen eher nicht ausgeprägt.
Zur Zeit sind wir in Vali´s Homestay, ein privates Hostel. Vali ist ein phantastischer Gastgeber, sehr engagiert kümmert er sich um das Wohlbefinden seiner Gäste, max. 8. Außerdem ist er Tour-Gide und organisiert Ausflüge u.a. In seinem Hauptberuf ist er seit 40 Jahren Teppichrestaurator und –händler. Er hat uns einen Vormittag im Teppichbazar bei seinen Kollegen rumgeführt und viel über die Teppiche erzählt. Wir konnten einige beim Flicken und Reparieren beobachten und befragen. Die meisten Teppiche sind alt, über 50 Jahre, alle sind handgearbeitet in Familien und damit Einzelstücke. Anhand der Muster kann man die Herkunft und die Clans bestimmen. Auch die neuen Teppiche sind Handarbeit, meist Frauen, die zuhause knüpfen. Viele werden auch heute noch von Nomaden geknüpft, die als Herdenbesitzer ihre eigene Wolle nutzen.
Wir haben ein paar Fotos gemacht. Wer an einem Teppich interessiert ist, sie sind hier sehr viel günstiger als bei uns, und Vali schickt sie überall hin, kann sich gerne bei uns melden, wir leiten dann gerne weiter.
Wir konnten uns bisher noch nicht für einen entscheiden, vielleicht wenn wir zuhause sind.


Seit drei Tagen werden wir ganz köstlich mit iranischen Gerichten bekocht, essen gemeinsam mit den anderen Gästen und genießen die Gespräche.
Wir haben Henk, einen jungen holländischen Radler wiedergetroffen, mit dem wir vor einigen Wochen zusammen waren. Hier in Masshad treffen sich alle, die weiter nach Turkmenistan wollen. So werden die Erfahrungen und letzten News ausgetauscht.
In Mashhad selbst haben wir nur den Immam Reza Komplex besucht, eine der wichtigsten Pilgerstätten der Schiiten. Jedes Jahr kommen 27 Mio. Pilgerer hierher. Und heute ist ein großer Trauerfeiertag- der Martyrday des Imam Reza. Die Stadt ist voller Pilgerer, eine große Wasserfontäne speit blutrotes Wasser in die Luft, alle Läden sind geschlossen, tausende sind bei den Zeremonien. Für Nichtmuslime sind weite Bereiche des heiligen Imam Komplexes gesperrt und wir durften nur mit Führer und (ich) gutverhüllt den Komplex betreten. Jetzt im Ramazan, so wurde uns erklärt, werden jeden Abend 12.000 Menschen zum Fastenbrechen in einem Innenhof eingeladen. Eine riesige finanzstarke religiöse Organisation, Eigner von Fabriken, Ländereien etc. lädt jedes Jahr eine andere Gruppe von Menschen ein. Jeden Abend 12.000 einen Monat lang!
Am Freitag findet eine große Prozession statt, wo sich die Menschen aus Solidarität mit dem ermordeten Imam selbst geißeln.- wir sind dann schon wieder unterwegs auf dem Weg zur Grenze.
Wahrscheinlich werden wir uns dann erst wieder aus Usbekistan melden, nach der rasanten Durchquerung Turkmenistans.

7 Kommentare

  1. Tanja sagt

    In Wob war es wirklich heiß. Ich stand, nach einer kleinen Radtour mut beiden Füßen in der Tommy-Quelle.
    Dafür sind heute nur noch 17 Grad.
    Ich verfolge eure Geschichten mit großer Begeisterung! Danke fürs Fernwehmachen.

  2. Pia Schneider-Lademann sagt

    Hallo Ihr Beiden,

    gut, endlich wieder von Euch zu hören! Man bekommt schon ein etwas mulmiges Gefühl bei längerer Sendepause…
    Mashad hat mir schon vor 40 Jahren gemischte Gefühle bereitet: Eine sehr beeindruckende Stadt mit einem islamischen Klerus, da damals gerade dort begann, sich sehr deutlich in einem noch westlich geprägten Staat durchzusetzen. Und die Frauen heute im Iran sind wahrlich nicht zu beneiden (klar ist es woanders noch schlechter- schlimmer geht immer). Deine lebhaften und kritischen Beschreibungen hierzu, liebe Karin, kann ich sehr gut nachvollziehen.
    Passt auf Euch auf und weiter gute Reise!
    Liebe Grüße aus den gemäßigten Breiten
    Pia

    • Karin sagt

      Liebe Pia,
      ich habe mich schwergetan, so kritisch zu schreiben, denn grundsätzlich möchte ich lieber über die schönen und positiven Aspekte unserer reise berichten. Über die negativen hören wir meistens mehr als genug. Nach fast acht Wochen Iran merke ich jedoch, dass mich dieses Thema immer mehr umtreibt.
      Natürlich gibt es auch zufriedene Frauen, meist die eher religiösen und konservativen.
      Vielleicht, und das hoffen mit uns viele, wird das Ende des Embargos über Kurz oder Lang zu einer Lockerung der restriktiven religiösen Einschränkungen führen. Nicht nur die Wirtschaft wird davon profitieren.
      liebe Grüße
      Karin und Fritz

  3. Astrid Krause sagt

    Habe gerade Euren tollen Bericht gelesen, was sind da schon 40 Grad für wenige Tage. Hut ab und Bleibt gesund
    Gruß Astrid Krause

  4. Katrin Heine sagt

    Hallo liebe Karin, hallo lieber Fritz, wir verfolgen regelmässig mit ganz viel Interesse Eure Reiseberichte, haben dies Wochenende mal 35- 40 Grad erlebt, wo wir im Traum nicht daran gedacht hätten, diese Fahrradstrecken unter Euren Bedingungen anzugehen….. Wir können immer wieder nur in hohem Respekt uns vor Eurer Leistung verbeugen. So ein wenig Sorgen machen wir uns immer ein bisschen und dein Bericht über die Frauensituation zeigt ja, wie schmal der Grad sein kann, plötzlich zwischen die Kulturen zu geraten….gleichzeitig erlebt ihr so tolle Begegnungen!! Bleibt gesund, passt weiter auf euch auf, Katrin und Rainer

    • Karin sagt

      Liebe Katrin, lieber Rainer,
      macht Euch keine Sorgen. Zumindest hier im Iran sind alle sehr darum bemüht, dass es Touristen gut geht. Für uns sind die Regeln sehr viel toleranter als für Einheimische. Wie es in den weiteren Ländern sein wird, wissen wir nicht, sind aber zuversichtlich.
      Liebe Grüße
      Karin und Fritz

  5. Henry sagt

    Hallo, hatte mir wirklich schon Sorgen gemacht. Vielen Dank für den Bericht. Weiterhin eine gute Reise. Wob hatte auch seinen Rekord – bei uns waren wir fast an die 40° ran. 🙂

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