Estland, Länder, Nordtour 2022, Tagebuch
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Estland

Die Überfahrt von Helsinki nach Tallin war völlig easy. Wir staunten, wie viele Fahrzeuge aus dem Bauch der Fähre herausströmten, als sie in Helsinki ankam. Die Fähren, die wir in letzter Zeit gesehen hatten, waren alle um Dimensionen kleiner. Während der Überfahrt staunten wir wieder über die Partystimmung an Bord. Obwohl es vormittags war, gab der DJ auf dem Sonnendeck alles, viele Leute hatten ein Bierglas vor sich stehen, drinnen spielte die Tanzband und es glitten die Paare übers Parkett. Die ganze Fahrt dauerte nur zwei Stunden und die wurden genutzt.
In einem neuen Land anzukommen und in die erste Stadt zu fahren, macht mir immer wieder ein freudig kribbeliges Gefühl im Bauch – alles ist neu. Das Straßenpflaster in der Altstadt jedoch nicht. Beim langsamen Drüberholpern, teilweise auch Schieben, hab ich tatsächlich einen Schuh verloren, der hinten festgeschnallt war! Im Hostel hab ich´s beim Abpacken gemerkt und gottseidank lag er noch auf dem Pflaster, als wir den Weg zurückgingen. Na ja, den nimmt auch niemand mit, so wie er aussieht und riecht!
Wir streiften durch die Altstadt, Unter- und Oberstadt, Bereiche, wo die Gentrifizierung im Gang ist, und beim Rausfahren radelten wir durch Stadtteile, wo der Geist des „real existierenden Sozialismus“ noch zu spüren ist. So mancher Innenhof strahlt lebendige Vergangenheit und Gegenwart aus.

Beeindruckt hat uns die deutliche Meinungsbekundung vor der russischen Botschaft.

Eher zufällig sind wir am Figurentheatermuseum vorbeigekommen. Das war ganz bezaubernd und hochinteressant. Dabei habe ich beschlossen, dem Spielerischen in meinem Leben wieder etwas mehr Raum zu geben.

Auf dem Weg nach Haapsalu, einem Küstenort, der den besten aller estnischen Heilschlämme haben soll, weshalb schon der russische Adel von St. Petersburg  zur Kur dorthin zog, zog es uns ins Autosportmuseum von Estland, eine weitere Überraschung am Wegesrand. Wir wurden herzlich begrüßt und mit Kaffee und Keksen versorgt.

Von dort folgten wir dem Radweg auf dem ehemaligen Bahndamm bis nach Haapsalu, über 50 km! Oft eher verwunschen zugewachsen, manchmal unbequem zu fahren, war er trotz allem sehr schön und abwechslungsreich. An einer Stelle stand ein Mahnmal zur Erinnerung an die Zigtausend von den Sowjets deportierten Esten und Estinnen zwischen 1940 und ´89. Wie auch Finnland und die anderen baltischen Staaten haben die Esten eine sehr lange Geschichte von Fremdherrschaften verschiedenster Länder. Die erste Unabhängigkeit hat nur von 1918 bis 1940 gedauert, dann kamen die Russen wieder, dann die Deutschen, dann wieder die Russen. Und so gab es auch mehrere “Säuberungswellen”, bei denen ca. 10% der estnischen Bevölkerung deportiert oder gleich umgebracht wurde.

Der Bahnhof von Haapsalu hatte einen sehr langen überdachten Bahnsteig, damit die edle Kundschaft nicht etwa nass würde.

Weiter ging´s an der Küste nach Pärnu, der „Sommerhauptstadt“ Estlands, ebenfalls eine alte Kurmetropole (Heilschlamm) und für den Sandstrand berühmt. Wir staunten über das Strand- und Touristentreiben in der Stadt.

Die Küstenstraße war insgesamt leider nicht ganz so spektakulär zu fahren, wie wir das gedacht hatten. Das Meer ist meist mehrere hundert Meter entfernt, hinter dem Kiefernwald und den privaten Grundstücken. Allerdings lieben die Esten – wie die Finnen- die Natur, das Wandern und Zelten. Dafür hält das staatliche Forstamt (RMK) überall im Land Biwak- Zelt- und Grillplätze zur Verfügung, die mit Schildern an der Straße erkennbar sind. Wir haben einen genutzt und hatten einen wunderbaren Abend am Strand. Über sicher einen Kilometer  findet man gemauerte Grillstellen, überdachte Sitzgruppen, Trockentoiletten im Wald verteilt. Jeder kann dort umsonst zelten. Überraschenderweise ist das Gelände überhaupt nicht vermüllt. Ob das auch in Deutschland denkbar wäre?

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