Mexiko, Tagebuch, Touren, Zentralamerika
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Wir wollen wieder los

Braucht es eine Begründung? Wir denken nicht, aber vielleicht sind ein paar Gedankenstriche angebracht:

Die Neugierde ist immer noch da. Die Sehnsucht nach dem ganz anderen Leben auf dem Rad. Mein Projekt: „Zuhause ein einfaches Leben einfach zu leben“ kann ich vorerst als gescheitert betrachten. Nicht, weil es grundsätzlich nicht möglich wäre, sondern weil ich so strukturiert bin, dass ich die Fähigkeit habe, schnell und zielsicher komplexe Situationen wahrzunehmen, anzunehmen und gestalten zu wollen. Verantwortungsgefühl, Gestaltungswille, Selbstwirksamkeitsbedürfnis, Freude am Netzwerken und strategischem Denken und Handeln – und schwupps ist das Leben wieder voller Ansprüche, Anforderungen, Aufgaben. Dazu kommt die Bequemlichkeit, Lust am Luxus und Genießen.

Was unterwegs gut gelingt: den Beobachterstatus beizubehalten, den interessierten empathischen Blick auf Fremdes und manchmal Befremdliches zu halten, ohne den Anspruch zu entwickeln, alles verstehen zu wollen, zuzulassen und sogar als Bereicherung zu empfinden, dass es so viele verschiedene Arten des (Zusammen)Lebens, der Lebensbedingungen und –verhältnisse gibt. Der Preis, den wir dafür zahlen heißt: Fremde zu sein, nicht wirklich zu verstehen, kein Teil der Gemeinschaft zu sein.

Und während ich schreibe, denkt ein Teil von mir: Natürlich sind wir ein Teil der Gemeinschaft- wir haben eine Rolle: Gäste, Touristen, Reiche, Verrückte, Geldbringer, Fremde, Fernradler*innen.… Und wie häufig sind wir auch hier bei uns „Zuhause“ kein Teil, verstehen wir nicht, fühlen uns fremd. Dieses Gefühl ist sicher seit der Reise häufiger geworden. Aber es gibt eben auch das Andere: Geborgenheit, Sicherheit, tiefe Verwurzelungen in sozialen Gemeinschaften und Strukturen, tragfähige Freundschaften und in ganz besonderem Maße die Verbundenheit mit der Familie. Dieses Bewusstsein ist stärker geworden auf der Reise. Wir brauchen ein „Zuhause“, einen Anker und Heimathafen.

Doch nun wird es Zeit wieder aufzubrechen. Je länger wir zuhause bleiben und die Welt durch die Filter der Medienkanäle wahrnehmen, desto düsterer und gefährlicher scheint sie zu werden. Ist es tatsächlich so, oder verändern sich einfach die Brennpunkte des Geschehens? Eine Beurteilung fällt schwer, vor allem seit wir in Europa dichter ins Geschehen rücken.

Also: Da wir älter werden und nicht anzunehmen ist, dass die körperliche Leistungsfähigkeit besser wird, suchen wir uns jetzt die Herausforderungen, die wir uns vielleicht in ein paar Jahren nicht mehr zutrauen.

Mexiko und Zentralamerika- 6 Monate von Sept. 18 – März 19, ca. 10.000km.

Und vielleicht denken einige von Euch jetzt: „Mexiko, wurden da nicht gerade zwei Radfahrer ermordet?“

Ja, und wir sind sehr traurig und tief erschüttert, denn wir kennen einen von ihnen, Holger, aus unserer Zeit im Pamir! Wir sind zwar nicht zusammen geradelt, aber waren dennoch in Kontakt über verschiedene gemeinsame Fahrradfreunde. Und wir verbrachten einige Tage gemeinsam in Bishkek im homestay, bevor sich unsere Wege trennten.

Sein Tod hat viel in uns ausgelöst. Der Schock über den gewaltsamen Tod eines befreundeten Menschen in einem Land, in dem wir demnächst selbst unterwegs sein wollen und in dem die Gefahrenlage als zunehmend unübersichtlicher beschrieben wird. Wir  versuchten, wie viele andere auf den Radforen auch, zu recherchieren, wo genau der Überfall passiert ist, ob ein „Unfall“- als solches hatte die Staatanwaltschaft zuerst den Tod der beiden deklariert, realistisch und nachvollziehbar sein kann. Nein, inzwischen ist es auch offiziell, dass die Beiden überfallen und ermordet wurden.

Es  fühlt sich anders an, ob im Auswärtigen Amt vor einer Straße gewarnt wird, oder ob ich Fotos von Holger und Chrisztof vor mir sehe, fröhlich, entspannt, stolz auf ihren Rädern sitzend und den Bericht eines mexikanischen Journalisten darüber mühsam aus dem Spanischen übersetze.

Wir haben überlegt, warum Holger diese Straße gefahren ist, die als gefährlich bekannt ist. Sturheit, Selbstüberschätzung, Verkennung der Situation, Risikobereitschaft oder einfach zur falschen Zeit am falschen Ort? Wir werden es wohl nie erfahren. Es bleibt eine große Traurigkeit über den Verlust eines ganz besonderen Menschen.

Was bedeutet das für uns? Dieser Tod hat uns noch intensiver auf die Themen Sicherheit und Risikobereitschaft  und Restrisiko gestoßen. Dass diese Region andere Herausforderungen als Asien mit sich bringt, war uns theoretisch von Anfang an klar und wir beschäftigen uns- sicherheitsorientiert, wie wir sind, immer wieder mit den Fragen: Wo wollen und können wir fahren? Was wird auf den Radforen aktuell geschrieben? Aber auch: Was genau ist uns wichtig an dieser Tour? Wofür soll sie gut sein? Was wollen wir unbedingt und was auf keinen Fall?

Einig sind wir uns bisher bei folgenden Aspekten:

  • Wir folgen dem Gedanken der Panamericana, denn wir brauchen große Ziele. Wir planen in zwei Etappen zu je 6 Monaten zu fahren.
  • Teil 1 Südkalifornien, Mexico und Zentralamerika bis Panama
  • Teil 2 Südamerika von Kolumbien bis Feuerland. Teil 2 ist in der Dreamphase.
  • Wir werden weiter auf dieser website berichten.
  • Die ganz grobe Route steht. Auf aktuelle Ereignisse vor Ort werden wir flexibel reagieren. Auf der Seite „Route“ werden wir demnächst die geplante Route einstellen.
  • Wir freuen uns auf die neuen Erfahrungen und lernen schon (mehr oder weniger) eifrig Spanisch.
  • Bevor wir die Baja California abradeln, haben wir noch eine Kleinigkeit zu erledigen. Bei unserer USA-Tour 2010 sind wir durchs Death Valley mit dem Auto gefahren, da es hieß, es sei zu heiß. Das wollen wir jetzt mit dem Rad doch mal wissen.
  • Uns sind Landschaften ebenso wichtig wie die Begegnung mit Menschen.
  • Welche kulturellen Highlights wir ansehen werden, ist noch nicht klar. Das entscheiden wir vor Ort.
  • Ohne die Erfahrung der letzten Reise hätten wir viel mehr Bedenken und Ängste als jetzt.- Nun lässt es sich eher mit zuversichtlichem Respekt beschreiben.
  • Wir freuen uns, wenn wir vielen Menschen unsere Eindrücke vermitteln können.
  • Wir werden Euch bis Sept. nach und nach über unsere Vorbereitungen (inhaltlich, mental, physisch) auf dem Laufenden halten.

 

 

 

9 Kommentare

  1. Melanie SP. sagt

    Ich wünsche euch ganz viel Spaß und passt gut auf euch auf. Natürlich kommt auch gut und gesund wieder zurück. Werde es verfolgen und freu mich auf eure Beiträge.
    Lieben Gruß aus Ostfriesland
    Melanie Speichert

  2. Ingeborg Leuthold Silberschlag sagt

    Ich wuensche Ihnen eine sichere Reise mit moeglichst nur guten Erfahrungen. Ich besuche meinen Bruder in Wolfsburg vom 5.-19. September und bin dann wieder in Tucson, Arizona.
    Sollte ich von Tucson aus irgendwas fuer Sie tun koennen, lassen Sie es mich wissen, oder fuer den Fall dass sich Ihre Plaene ändern. Sie sind jederzeit willkommen, Ingeborg Leuthold Silberschlag

  3. Axel sagt

    Super – euer Entschluss ist mutig aber nachvollziehbar. Wer einmal mit dem Rad unterwegs war – auch wenn es eine leinere Radreise ist, weiß, wie das Gefühl ist, mit Fahrradtempo in andere “Welten” zu kommen!
    Ich wünsche euch tolle Erlebnisse, aber uach, dass eure Erfahrung euch hilft Abenteuer und Restrisiko möglichst gut abzuwägen.
    Schon im Vorfeld mein Wunsch: Kommt gesund wieder – hier gibt es auch noch mehr oder weniger spannende Projekte, die wir gemeinsam wuppen können.
    Axel

    • Karin sagt

      Wir freuen uns jetzt auch schon auf die nächsten gemeinsamen Projekte mit dir und Euch! Eins nach dem anderen. LG Karin

  4. Inge Heitland sagt

    liebe Karin, lieber Fritz,
    ich finde es grossartig, dass ihr schon wieder losradeln wollt, und es ist gut, dass ihr zu zweit seid und nicht einzeln. Der Überfall in Mexico auf die Radler ist schockierend, aber es war eine gefährliche Strasse…Hier könnte man als Radler auch leicht von rücksichtslosen Autofahrern überrollt werden….Ich wünsche euch viel Erfolg bei euren Vorbereitungen…
    Liebe Grüsse. Inge

    • Karin sagt

      Liebe Inge, für uns als Projektradler sind Vorbereitungen ein wesentlicher Teil der Reise. Wir genießen es und brauchen es zur Klärung. Es geht auch anders, aber so geht es auch. Und wir finden es großartig, mit welcher Begeisterung du immer noch Rad fährst. Liebe Grüße
      Karin

  5. Gunter Schendel sagt

    Liebe Karin, lieber Fritz,

    wie auch beim letzten Mal sind wir virtuell dabei und schon ganz gespannt auf Eure Berichte! Passt schön auf Euch auf und kommt gesund wieder zurück!

    Wir freuen uns darauf, wieder von Euch direkt berichtet zu bekommen bei oberhessischen kulinarischen Genüssen!

    Susi, Gunter und die Tauchfreunde Lahn-Dill e.V.

    • Karin sagt

      Schön, dass Ihr dabei sein wollt! Die Einladung zum Bericht nehmen wir gerne ohne konkreten Terminvorschlag an. 🙂 Wird allerdings noch ne Weile dauern.
      Tschau
      Karin und Fritz

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