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Unterwegs Richtung Varanasi

Es ist immer wieder faszinierend, wie unterschiedlich die Landschaften sind, durch wir radeln. Jemand sagte uns, hier würden sich alle 100km die Menschen, die Sprache, das Essen, die Kultur ändern. Das trifft auch auf die Landschaft zu. Auch die Tiere ändern sich. In dieser Gegend laufen viele Schweine rum. Kleine, größere, meist wildschweinartig borstig, Sauen mit Ferkelchen, manchmal ganze Rotten – wohlgemerkt, nicht in der freien Natur, sondern in den Dörfern, auf den Straßen und mitten im Leben. Keiner kümmert sich um sie, wenn sie überall im Müll nach Essbarem wühlen, keiner will ihnen Böses. Sie haben anscheinend keine natürlichen Feinde hier, denn gegessen werden sie nicht. (Wenn ich sehe, was sie fressen, möchte ich sie auch nicht essen!). Das gleiche gilt für Hunde. Zu ihnen gibt es noch ab und an eine Beziehung, da sie auch als Wachhunde gehalten werden- selten mal als „Schoßhunde“ an der Leine oder im Zwinger. Einmal sah ich einen sehr abgemagerten Mann am Straßenrand sitzen, der ein Stückchen Brot mit einem Hund teilte.
Ach ja, und hier sehen wir viele Ziegen, als Herden mit Hirten oder auch Einzeln in den Dörfern und Straßen. Kühe mannigfaltiger Art und Rasse.


Apropos Essen. Tagsüber stoppen wir gerne mal an einem Truckstopp-restaurant, schauen in die Töpfe oder auf die anderen Teller und bestellen, was es so gibt. Meistens Dhal, irgendein Gemüse und Roti (kleine frische Brotfaden). Reis wird hier weniger gegessen. Wir können inzwischen auch schon ganz gut mit der (einen, rechten) Hand essen. Löffel gibt es nur bei Dhal oder wenn sie Mitleid mit uns haben. Zum Essen schreiben wir nochmal einen Extrabericht.
In Akola suchten wir eine Unterkunft und durften wieder Erfahrungen sammeln. Zuerst direkt in der Stadt. Es war sehr indisch belebt und während Fritz auf die Räder aufpasste, suchte ich das angekündigte Hotel im dritten Stock eines Gebäudekomplexes mit vielen Shops, Gerümpel und Ausscheidungen jeder Art. Oben ein sauberer Flur, Türen mit Nummern und eine Rezeption. Ich sah die Preisliste, wollte ein Zimmer sehen- na ja, hatten auch schon schmuddeligere, aber nicht viele- und fragte dann nach einer Unterstellmöglichkeit für die Räder. Der Mann an der Rezeption hatte mir bereitwillig Auskunft erteilt und meinte nun etwas wie „only gents“. Es dauerte eine Weile bis ich begriff. Sie nahmen keine Frauen auf!! Ich war platt und ziemlich angesäuert. Das gibt es also auch.
Das Gute daran: Unten war in der Menschen-(Männer-)menge ein hilfsbereiter Mensch, der Englisch sprach und Fritz ein „besseres Hotel“ nannte. Er fuhr sogar voran und es war wirklich ein gutes Hotel. Teuer und – ausgebucht. Allerdings gab es um die Ecke weitere: alles eher westlicher Standard. So teuer ist das für uns nicht immer machbar, aber wenn wir wifi dafür bekommen, gönnen wir es uns ab und zu. Wir wurden noch einmal abgewiesen (wieder ich, merkwürdig!), im nächsten wurden wir freudig aufgenommen! Im wahrscheinlich teuersten am Ort. Nachdem wir unsere Geschichte erzählt hatten, gaben sie uns bereitwillig einen Spezialrabatt, machten etliche Fotos für die örtliche Presse mit dem Eigentümer und seiner Frau und wir fühlten uns als VIP-Gäste! Herrlich. Wir blieben einen Tag und genossen.


Abends wurden wir im Restaurant vom Sohn des Eigners angesprochen, der ebenfalls Radler ist. Er erzählte, dass am nächsten Morgen in Akola ein (Mini-)Radmarathon stattfände, und ob Fritz (von mir war keine Rede) nicht teilnehmen wolle. Er organisierte einen Freund, der ihn morgens abholen sollte und wir waren ganz begeistert. – Dieser Freund (Deep) verschlief allerdings, weil sein Mobilphone sonntags auf nicht-wecken gestellt ist und so hatten wir mehr Zeit fürs Internet. Er meldete sich mittags ganz zerknirscht und lud uns für abends in sein Restaurant ein. So kamen wir in den Genuss einer nächtlichen Autofahrt –ein ganz eigenes Abenteuer, das uns darin bestätigte, nie nachts zu fahren! Deep fuhr eine superneue Riesenkiste der Touareg-Klasse! Sein Restaurant war ein Riesentruckstopp, an dem zeitweise bis zu 300 Trucks seien und die Leute 2 Std auf ihr Essen warten würden, so erzählte er uns. Er ist 28, wird demnächst Vater und hat 4 Jahre in Australien gelebt und studiert, bis ihn die Eltern wegen Übernahme der Geschäfte nach Hause riefen.
Er kam, war jedoch sehr frustriert und unglücklich. Er arbeite sehr viel, in den drei Straßenrestaurants, die er betreibe, hätte er 150 Leute, um die er sich kümmern müsse. In drei Jahren keinen Tag Urlaub, nie vor 2-3 Uhr nachts zuhause. Er sei vor allem unglücklich hier zu leben. Er meinte, und das hörten wir ebenfalls von einem anderen jungen Restaurantbesitzer in ähnlicher Situation, wer einmal im westlichen Ausland gelebt habe, der könne es in Indien nicht mehr aushalten. Diese Armut, das Elend und die Korruption- man könne weder für sich selbst noch seinen Kindern eine Perspektive sehen. In was für einem Land lebe er hier: Vor ein paar Tagen hätten im Norden Indiens ein Hindu-Mob eine muslimische Familie gelyncht, weil sie Rindfleisch zu Abend gegessen hätten. Sie würden ihre Kinder und Frauen vernachlässigen und umbringen, während sie Kühe heiligten, weil sie ihre Mütter seien! Viele Menschen hätten einen Job, der ihnen gerade genug Geld für das tägliche Essen gäbe. Einen Tag ohne Arbeit hieße einen Tag ohne essen.
Sein größter Wunsch sei, wieder ins Ausland zu gehen. Das Verantwortungsgefühl den Eltern gegenüber halte ihn hier. Im Ausland völlig neu anfangen zu müssen, würde ihn ebenfalls zögern lassen, denn er hätte hier natürlich schon ein gutes Leben.


Beide Restaurantbesitzer, wie auch der Hotelier in Akola, waren Sikhs, und damit eine Minderheit hier. Wir haben das Gefühl, dass sie eher zur gebildeten und unternehmerischen Schicht gehören. Vielleicht ist hier der Frust besonders groß. Wir werden weiter interessiert beobachten und unsere Augen und Ohren offenhalten.

1 Kommentare

  1. hallo liebe karin und lieber fritz
    ich bereite mich in kathmandu darauf vor, nepal in den nächsten zwei wochen slowly, slowly zu verlassen in richtung varanasi – keine ahnung, wann ich da ankomme – … bin im moment wirklich sehr “zeitlos” unterwegs nach wunderbaren wochen in nepal – habe hier so etwas wie mein herz verloren an land und leute…
    indien scheint ja ne grössere nummer zu werden – hm – … – ich lese mal eure berichte – dann bin ich etwas besser vorbereitet…!
    macht freude, eure berichte zu lesen – bunt in bildern und texten – wer weiss, vielleicht treffen wir uns ja noch on the road…
    herzichst
    patrik

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